ÿþNiklas' Anmerkungen zu Chucks Tagebüchern und dem "Weihnachten"-Essay aus der Tagebuchphase 0304WS: D., Nach dem ich nun endlich anfängliche Unbillen des in Phasen empfundenen Raumzeitgefüges überwinden konnte, habe ich alle deine Unitagebucheinträge vom 05.11.03 - 09.12.03 und auch "Weihnachten" gelesen und möchte jene Texte an dieser Stelle sachdienlich kommentieren. Dazu beginne ich nach alter Kochscher Tradition mit einem Zitat von dir selbst: "Entdecken wir, dass sich Deutschlands 'Elite' in Wortgefechten verdun'schen Ausmaßes mit Antisemitismus- und Populismusvorwuerfen ueberzieht, um von ihrer Unfaehigkeit abzulenken, erkennen wir aber auch, dass all jene, die so darauf draengen darzustellen, dass sie es besser koennen, meistens noch schlimmer sind - sie koennen es naemlich nicht besser und haben es mit ihrem Dilettantismus nichtmal in die Fuehrungspositionen unserer Gesellschaft geschafft. Ein Armutszeugnis." (D.Koch, Unitagebuch, 1.12.doc) Wenden ich die Aufmerksamkeit auf den letzten Teil so erscheint mir dieser symptomatisch für viele deiner Novembereinträge, denn da wird offensichtlich Hinz mit Kunz verwechselt. Deine jeweiligen Alternativvorschläge zum Gutmenschendasein landen immer wieder auf der rechten Seite politischer Einstellungen, die ihrerseits aber ebenfalls mit ideologischer Engstirnigkeit, plakativer Uniformierung und selbstgerechter Entrüstung gegenüber dem gesellschaftlich Liberalen, dem "normalisierten Entarteten" aus ihrer Sicht, glänzen und daher nicht einmal mehr zu Tabubrüchen oder rhetorischer Auflösung von machtpolitischen Altlasten (Third Reich) taugen. Das ist dir auch völlig bewusst gewesen, selbst noch in Momenten affektiver Abscheu vor den linken Stickerträgern und das schlägt sich auch nieder in späteren Tagebuchseiten (Dezember). Solches paart sich mit entsprechend rassistischen Äusserungen, die wenngleich nicht ernsthaft, so doch dick aufgetragen wirken, weil sie glauben machen, daß Verhaltensweisen sich klar ethnisch zuordnen lassen (das versteht man ja gemeinhin unter Rassismus) und nicht etwa vermitteln, wie asozial sich Ausländer in Essen präsentieren, wie unangebracht Toleranzparolen dort sind, wo kulturelle Gegensätze nicht verhandelt sondern vorsätzlich verschäft werden und das vor allem durch Ausländer selbst. Da reicht es nicht aus, rechte Gemeinplätze zu bedienen, nur um pseudohumanistischer political correctness den Spiegel vorzuhalten. Aber inhaltlich wird das alles äusserst unwichtig, wie oft haben wir ergebnislos darüber diskutiert, da wirfst du mir ostdeutsche Systemtreue und ständige Antihaltung vor, ich dir einseitige Frontmacherei und ständige Antihaltung (siehe auch in diesem Schreiben), doch zum Schluss lese ich in deinen eigenen Worten die Bedeutungslosigkeit solcher jeweiligen "Armutszeugnisse" und übrig bleibt manchmal ausdifferenzierter Bodensatz. Dagegen nicht ganz unwichtig ist die Wirkung auf potentielle Leser, die sich nicht durchringen können, nicht weiterlesen aus Furcht vor weiteren schlichtweg primitiven Hasstiraden. Und daher das Beste verpassen dürften. Primitiv, weil von an Anfang an erwartbar, überraschungslos und ebenso wenig durchdacht erscheinend, wie die Bekennerphrasen der Gutmenschen. Der Schnitt ins eigene Fleisch. Mir persönlich erscheint wesentlich krasser, beängstigend fast, die Methode deiner Auslese von Trendideologien und akzeptabler Geisteshaltung - wähnte man sich eben noch auf der sicheren Seite (zum Beispiel in Bezug auf literarische Vorlieben, Gesellschaftsbild etc.) so wird man im nächsten Moment wieder vor den Kopf gestossen, wie könnte man denn nur dieses und jenes denken, vorraussetzen und äussern, statt lieber anderem, wichtigerem sich zu widmen. Und man fängt von vorne an. Ich komme darauf zurück, wenn von der "Transparenzthese" die Rede sein wird. Dein teils absoluter Anspruch auf Distanz zum stupiden Meinungsträger, Gewohnheitstier, zur "Positionierung fuer eine 'Idee', fuer eine [vorgegebene] 'Richtung'", dein somit unbedingtes Anderssein, bricht mit der Verachtung, die du eben jenem Andersseinwollen, einem Elitedenken entgegenbringst. Aber der "Besserwisser, notorische Noergler" könntest dann auch du selbst sein. Diesem Teufelskreis ist kaum anders zu entrinnen, als durch allseitige Gleichgültigkeit oder durch rationale Argumentation (die man aber den erklärten Feinden aus Gründen ihrer offensichtlichen Verständnislosigkeit nicht anbieten kann und die teils auch an der eigenen Starrköpfigkeit scheitert). Das alles spricht für einen überzeugten Individualisten (den nicht unbedingt besonderen) und daran ist auch nichts auszusetzen. Das intellektuelle Gleichgewicht steigerte sich ohnehin von Text zu Text, ganz im Sinne dessen, der "sich dabei aber auch nicht bemueht, eben jene Haltung grossartig publik zu machen, um andere Menschen auch ja unbedingt ueber seine private Rebellion gegen das Etablissement zu informieren". Überhaupt klärst du oben angedeutete Einstellungswidersprüche in deinem "Weihnachten" nahezu vollständig. Ein Wort von Lem, welches vermutlich deinem Anspruch von freier Geisteshaltung entgegenkommt: "Diese Bilder von euerer [...] Entstehung haben aus der Sicht dessen, der das ganze begreift, einen starken Beigeschmack des Lächerlichen, denn das Streben nach Vollkommenheit [teleologisches Streben überhaupt], das sein Ziel verfehlt, ist um so lächerlicher, je mehr Weisheit dahintersteckt. Deshalb wirkt die Dummheit eines Philosophen belustigender als die Dummheit eines Idioten" (S.Lem, "Also sprach GOLEM"). Insgesamt las ich deine Ausführungen mit einigem Vergnügen, zumal mich die Art deines Umganges mit dem Universitätsalltag stark an meine kurze aber ernüchternde Studentenzeit an der TU Berlin erinnerte, wo ich jedoch mehr Scheuklappen aufbehielt, als du in deinen schweifenden Blicken abwirfst und zu guter Letzt nicht einen einzigen Mitstudenten namentlich nennen könnte. Das Drama setzt sich hier in Ilmenau natürlich fort, vor allem in der tatsächlich schülerhaft pubertären Störlautstärke, mit der, und seien es noch so unsympathische, Dozenten einfach tyrannisiert werden. Diese innerstudentische Besserwisserei und die abschätzigen Analysen der pädagogischen Fähigkeiten jeweiliger "Lehrkräfte" bei anhaltendem, feigem, selbstauferlegtem Anwesenheitszwang - es macht micht sogar wütend. Das oberflächliche, auf schnellen Massenzugriff bedachte Herumbalzen auch zwischen gleichgeschlechtlichen Kommunikatoren (Meet&Greet), das politisch Kontroverse (und hier gibt es nicht halbsoviele "Gutmenschen" wie an deiner Universität, alles überzeugte Mittelstandsbürger), das lebenserfahrene Engagement im Studentenbetrieb, die ewige Suche nach Zerstreung im postuliert provinziellen Mangelmillieu Ilmenaus, Geltungsbedürfnis usw.; da kann man nur Aussenseiter bleiben wollen. Mehr literaturspezifische Anmerkungen folgen noch, nach Absprache mit derben Experten. Ausserdem hoffe ich auf Fortsetzungen, schreib mir doch, was du in dieser Hinsicht noch planst. Zurück zu einem philosophischen Desiderat deiner Texte, der houellebeqcschen "Transparenzthese" und dem damit verknüpften Unbehagen um Wertevorstellungen: Zunächst möchte ich eine Lanze für Ergonomie (statt Transparenz) und rationales Handeln (manchmal auch Effektivität) brechen, das ist sicherlich völlig unnötig in deinem Sinne, aber ich kann nicht einfach jede gesellschaftskritische Antithese hinnehmen, die nur in der Feststellung gipfelt, alles würde immer einheitlicher und technischer. Wie weit wir im Sinne rationalen Handelns von diesem entfernt sind, dürfte sich kaum abschätzen lassen und das unmenschliche Gespenst der Effizienz ist nur ein Stein auf diesem Wege, ein in unserer heutigen Gesellschaft höchst einseitiges Phänomen noch dazu. Warum aber sollten wir uns Wege absichtlich versperren, die halboffen liegen und stattdessen zurückkehren in den gemässigteren, in viele organische, "natürliche" oder künstlerische Probleme verwickelten Dunst, aus dem wir aber nur in einen weiteren Dunst tappen werden, aus dem dann sicher andere, aber ebenso komplexe und geheimnisvolle Probleme erwachsen werden. Es wäre denkbar, daß es gar keine zielgerichtete Entwicklung geben kann, aber auch dann ist ein Verharren im Dunkeln nicht die beste Lebensmöglichkeit. Viele umständliche Hindernisse verhindern einen genaueren Blick auf Entwicklungsverhältnisse der technischen und anthropologischen Evolution, daher sind die Forderungen der Ergonomie nur dürftige Mittel, um das Alltägliche nicht übermächtig werden zu lassen, jene Notdurft, die uns so zukunftslos, eigensinnig und egozentrisch denken lässt. Das "strenge Gesetz des Konsenz" bewirkt nicht annähernd so hohe technokratische Sicherheit und "Transparenz", wie Houellebeqc vermeint, selbst wenn die Formen einer krassesten Übertreibung mit seinen Beobachtungen übereinstimmen mögen. Das zu glauben, gliche starker zivilisatorischer Selbstüberschätzung. Das Architektur nicht unterschiedlichsten sozialen Ansprüchen genügen kann, ist meines Achtens derart trivial, daß ich mir keine Alternative vorstellen kann, welche bedeutete, daß jedem sein eigener "Bahnhof Montparnasse" gebaut werden müsste oder zurück zur Klassifizierung (Dienstboteneingang) führte. Das ändert nichts an meiner eindeutig negativen Haltung moderner Architektur gegenüber. Ich messe also rationalem Handeln einige Bedeutung bei, bemerkte jedoch schon früher einen Aspekt darin, der mich schwankend machte, sollte ich dir immer folgen (deinem offensichtlich voreingenommenen Individualismus). Natürlich zwingt mich dazu niemand, ich wollte nur auf einen immanenten Widerspruch zwischen Einstellungen aufmerksam machen, den du im Allgemeinen selbst bemerktest. Darüber hinaus kann ich allen deinen Erkenntnissen folgen, auch denen von Houellebeqc's Geschwindigkeitszunahme und Kunstverständnis (und er hat sehr recht). In meinem ewigen Optmismus will ich allerdings noch feststellen, daß jenes "Konzessionen machen, Kompromisse schliessen" noch sehr lange kein Ende finden wird und sozusagen Chaos ungebrochen regiert. Eingesichts des Satzes der Thermodynamik von abnehmender Ordnung bei steigender Komplexität, erscheint mir die nähere Menschheitsentwicklung in dieser Hinsicht nicht allzu fatal. Ich möchte darauf hinweisen, daß ich mich in keiner Weise als Hüter der Wahrheit sehe, möchte dem vorgreifen, daß du mir Bildungsarroganz oder ähnlich anlastest, hoffe weiterhin auf einen ertragreichen Diskurs. Nachdem ich "Weihnachten" nochmals las, habe ich mich auch viel eher mit einigen deiner "Anregungen" anfreunden können. Gehabe dich wohl, J.