In der Stadt Israel Ein Schulausflug in die unbekannte Hauptstadt eines namenlosen Staates. Mit unserer Klasse brachen wir auf nach der grossen Metropole und wir erreichten sie Tage später termingerecht und vom Bahnhof aus zogen wir dann landeinwärts. Inmitten der Stadt ragten moderne Wahrzeichen, Babeltürme, doch keiner so hoch wie jener eine, den zu besteigen wir gekommen zu sein schienen. Ein Widerspruch von Heiligkeit und Laster in sich bergend, verprellte des Turmes tatsächliche Grossmacht derartige Zweifel kleinmütiger Architekten, auf daß sie ihm nun endgültig verfallen waren. Ich sah nicht, wie er von aussen beschaffen war, ich sah nur seine grosse Halle von innen, unzählige Stockwerke hoch, die Galerien zur Mitte hin den riesigen Schacht umschnürend und es war mir, als stürzte ich schwindlig hinauf und schrumpfte dabei im Quadrat. Immer schneller hinauf schrumpfte ich. Binnen kurzer Zeit verlief sich unsere Gruppe in dieser endlos grossen Halle, ich habe nie die königlichen Pyramiden sehen können, doch weiss ich, daß sie alle dort Platz hätten, nebeneinander und übereinander wohl an die 10 Male. Neben mir lief Myna, unterwegs hatte ich nur mit ihr gesprochen, ich kannte hier niemanden sonst. Ich kannte niemanden sonst. Aber wir sprachen nicht. Wir suchten unsere Klasse, denn diese versammelte bekannte Unbekannte um uns, welche den Weg zurück fanden und den Aufenthalt geplant hatten. Ich wusste nur, daß sie auf die Terassen steigen wollten, zur Turmspitze hin. Alle Fahrstühle waren überfüllt, dennoch sah ich neben mir niemanden stehen, ausser Myna. Zwar gab es klumpige Kleingruppen, familiär anmutende Strichfiguren über den Saal verstreut, aber ich hatte den Eindruck, alles ständig in Vogelperspektive schwebend überblicken zu können, daher gab es keine Verbindung mit lebenden Wesen. Nur mit Myna neben mir, angenehm, sie redete nicht mehr. Plötzlich kam abseits der distanzierten überfüllten Besucherstrichlisten ein Fahrstuhl auf uns zu, wir sahen jedoch nur die Tür sich öffnen, er war leer. Wir stiegen ein und wir blieben leer. Ruckend setzte sich der kahle Raum in Bewegung, er funktionierte nicht richtig. Blieb zuweilen stehen und schwankte holprig hin und her. Als ein schneller Fahrstuhl zog er gegen den Himmel und mir wurde schwindlig, auch Myna hielt sich fest, in meiner Nähe, an meinem Körper klammerte sie sacht. Der Schwindel zeugte von unglaublichen Höhen, nicht von einem beschädigten Fahrstuhl allein. Und sehr hoch rasten wir, hielten dann ganz abruppt, die Decke riss auf und wir sollten herausgeschleudert werden. An wenigen Kabeln hingen wir noch fest, an die Aussenwänden der Kabine schlagend, wie verwelkte Blumen über ihren Topfrand gesunken. Mir wurde schwarz vor Augen, doch fand ich mich bald wieder im Inneren des kleinen Raumes. Er fuhr nur nicht mehr, denn so endete der Unfall dort oben. Wir stiegen über die schiefen Wände durch die Deckenrisse ins Freie. Unbeholfen umarmte ich Myna, die meinen Arm um sich legte und innehielt. Den Stoff ihrer Kleider konnte ich nun spüren, ihre traurige Wärme, sie sprach nicht, aber seufzte. Ich sah auf die Strasse hinaus, eine Strassenbahnkreuzung, dort wo auch Busse hielten, viel Verkehr hin und her zog. Wir liessen unser Gepäck in dem verwahrlosten Betonkiosk liegen, der rund war und eine spitze Blechkuppel trug, ihm waren wir entstiegen, in ihn wollten wir zurückkehren. Alle Jacken und Pullover liessen wir dort liegen, auf dem müllübersähten Boden, auf den zerfallen Bänken an den Wänden. Ein sehr kleiner Ort. Myna hielt mich an der Hand, wir waren uns sehr nahe jetzt, es gab keine Einsamkeit mehr. Sie bebte traurig, spürte, daß ich nicht ganz und gar anwesend sein konnte, ich träumte ja. Zwischen Tag und Nacht traten wir auf die Kreuzung, nur Fremde sahen wir dort, fremde Häuser, fremde Sprachen hörten wir. Unsere Gedanken waren nirgendwo zu Hause und auch hier nicht. In dieser ganzen Zeit schwebten wir wieder über der Szenerie, doch schwebten wir nur, weil wir nicht hineingelangten, wie auf einem Blauschirm projeziert lief die Welt an uns vorbei. Ich streckte meine Hand aus und tauchte sie ein in diesen Strom. Wir legten uns nieder, ich weiss nicht, ob wir schliefen. Wir suchten doch unsere Gruppe noch immer, jetzt mussten sie weit entfernt Versammlung halten, ohne uns in dieser Nacht. Irgendwann am Nachmittag trat ich auf den trockenen Gehsteig, Myna folgte mir und sah sehr gelassen aus. Es gab keinen Grund für Gelassenheit. Die Sonne trocknete den Stein bis 10 Fuss in den Boden hinein und die Schwüle, die kühl wirkte, umwehte uns still, machte uns schwerelos. Verloren in der Wüste waren wir, denn es schien keinen Ausweg zu geben. Wir liessen unser Gepäck in dem verwahrlosten Betonkiosk liegen, der rund war und eine spitze Blechkuppel trug und gingen auf die Strassenbahn zu, einen alten, rotgelb erleuchteten Wagen, in ihm sahen wir noch unsere Kameraden aufgeregt winken. Sie stiegen aus und vermissten uns nun nicht mehr. Aber wir konnten nicht gleich mit ihnen gehen, wir waren kaum bereit einen Schritt durch die Wüste zu wagen und hatten auch alles Gepäck noch im Kiosk. Er lag nicht weit hinter uns, wir konnten ihn sehen, einfach ein Haus weiter zurück. Sie reagierten daher ungehalten und schwitzten, die Schüler. Wir gingen nicht mit, ich war auch nicht dabei gewesen, Myna erzählte später, was vorgefallen war. Also verabredeten wir uns schnell, man verabredete sich vor einer Sehenswürdigkeit, einem Theater etwa. Dort sollten wir erneut Anschluss an unsere Klasse finden. Finden, ja. Die Strassenbahn blinkte wieder, immer stärker. Hastig machten sich die übelgelaunten, verständnislosen Kameraden auf, wie ein Vorhang zog ihr Wagen vorbei und ein neuer Akt begann. Im nächsten Moment wandten wir uns um, Myna und ich wieder beieinander laufend und unruhig flatterhaft im Kopf zueinander geneigt, ich fühlte sie stark in mir leben. Ein glatzköpfiger, grossgeratener Jungmensch mit bauchgewölbter roter Jacke entwich zügigen Schrittes aus unserem Betonpavillon, mit einigen Kleidern aus unseren Koffern. Ich rief ihn an, er schritt mir schräg entgegen, aber nicht in meine Richtung. Ich rief erneut. Da gesellte sich ein zweiter Glatzköpfiger dazu, ein reichlich kleinerer, doch nicht abgehackt oder schmächtig wirkender. Der stellte sich mir in den Weg und fragte in bekannter Sprache, warum wir denn unsere Sachen dort so unbewacht liegen gelassen hätten, es wäre doch unsere Schuld und wir bekämen nichts zurück. Auch hätten wir es eigentlich nicht zu verhindern vermocht, recht unbeholfen wäre mein verbaler Einsatz gewesen, nicht einmal beschimpft hätte ich sie. Fragte ich andererseits vorher, ob sie statt Gelegenheitsdiebe, eher Aufpasser sein wollten, alles wäre anders gekommen. Er drehte sich ab und folgte dem Ersten. Da rief ich ihm die vorgschlagenen Schimpfwörter nach und folgerichtig blieb er stehen. Keine Chance für mich. Die beiden kamen aus unserer Heimat, sie sprachen unsere Sprache. Der Blaue wollte mich gerade noch erschlagen, aber wir kamen ins Gespräch, denn es gab keine Grund für eine Auseinandersetzung, er behielt die Sachen, ich hatte ihn nicht beleidigt, ich war auch schwächer. Der Rote blieb im Hintergrund, sah aber zufrieden und sanftmütig aus. Der Abend dämmerte schon herauf. Die Luft hüllte uns ein, die Stadt umgab uns besänftigend, die braunen Häuser waren uns eine stetige Zuflucht und alles wirkte aufgeladen mit Spannung, die in uns überging und eine Aufregung erzeugte - aufgeregt wollten wir alles erfahren, frei umherstreifen, aufsaugen jeden Augenblick. Ich umarmte Myna, dieses zarte und starke Wesen. Ihr Fleisch war mein Fleisch. Wir verspäteten uns natürlich. Vor dem Pavillon schauten wir sehnsüchtig umher, dieser Ort gefiel mir mehr und mehr. Wir aber waren verabredet. Die Glatzköpfigen standen noch auf dem selben Platz, ihnen gefiel dieser Ort. Ein Blick, ich ging hinüber und fragte, ob sie unser Gepäck bewachen wollten, statt Gelegenheitsdiebe zu werden, einen Blick darauf würfen, ich dankte. Sie bejahten lachend und auch Myna lachte leise. Wir schieden wie Freunde und bestiegen eine Strassenbahn, wohin nur fuhren alle Linien in der Stadt Israel, dem Zentrum entgegen mit Sicherheit. Niemand erteilte uns Auskunft, niemand verstand meine Worte, sie zuckten alle mit den Schultern oder benahmen sich, als hätte ich sie nicht einmal angesprochen. Myna fragte einen Mann. Er war sprachlos und wir waren sprachlos mit ihm. Orientierungslos. Der Fahrer wusste nichts und hörte nichts. Fassungslos ging ich zur Tür. Wir stiegen aus und fühlten uns wieder frei. Nichts verband uns mit dieser Stadt, doch war dieses Band stärker als jedes andere Band von einem beliebigen Punkt im Kosmos aus, unsere Klasse geriet daher in Vergessenheit, sie sollten ohne uns die Heimfahrt antreten. Wir brachen auf ins Unbekannte, klein und ohne jeden Halt, auf uns allein gestellt und hilflos. Doch so mächtig war unser Drang, plötzlich loszulassen und andere Samen einzuatmen, daß wir davonrannten und niemals einem Ziel entgegen liefen. Alles begann von neuem und ich schloss die Augen in dieser Nacht. J.L., 2004